Frau um die 40 mit Tasse am Fenster im Herbst – Zink und Erkältung: was zur Wirkung belegt ist

Zink gegen Erkältung: Wirkung, Studienlage — und wovon die Nase Schaden nimmt

Sobald die erste Kollegin im Großraumbüro hustet, beginnt in Apotheken und Drogerien die Hochsaison: Brausetabletten, Lutschpastillen, Kombipräparate. Fast alle enthalten Zink, fast alle versprechen dasselbe. Die Frage, die dabei selten ehrlich beantwortet wird: Was ist zur Zink-Wirkung bei Erkältung eigentlich belegt — und was ist Saisongeschäft?

Die Antwort ist unbequemer, als es die Verpackungen vermuten lassen. Vorbeugend bringt Zink nach aktueller Studienlage vermutlich wenig bis nichts. Wenn die Erkältung schon da ist, könnte es die Krankheitsdauer leicht verkürzen — allerdings nur in Dosierungen, die weit über dem liegen, was eine normale Nahrungsergänzung liefert und die die Behörden für den Dauergebrauch ausdrücklich nicht empfehlen. Und bei einer bestimmten Darreichungsform steht sogar ein bleibender Schaden im Raum.

Dieser Artikel ordnet die Evidenz so ein, wie wir sie selbst gerne erklärt bekommen würden: mit Zahlen, mit Grenzen — und ohne die Wirkung schönzureden, die es nicht gibt.

Was Zink im Körper tatsächlich tut

Zink ist kein Modenährstoff, sondern ein essenzielles Spurenelement: Es ist Bestandteil von mehr als 300 Enzymen und an praktisch allen zentralen Stoffwechselvorgängen beteiligt — von der DNA-Synthese über die Wundheilung bis zur Immunabwehr. Der Körper speichert insgesamt nur etwa zwei Gramm davon, überwiegend in Knochen, Haut und Haaren, und dieser Speicher ist klein und träge. Deshalb ist eine regelmäßige Zufuhr über die Nahrung wichtig.

Genau diese Rolle im Immunsystem ist der Grund, warum Zink im Herbst so präsent ist. Und sie ist auch der Grund, warum eine einzige Aussage EU-weit zugelassen ist: Zink trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei. Insgesamt sind für Zink 18 solcher gesundheitsbezogenen Angaben zugelassen — unter anderem zur Erhaltung normaler Haut, Haare und Nägel und zum Schutz der Zellen vor oxidativem Stress.

Der entscheidende Punkt steckt im Wort normal. Zugelassen ist der Beitrag zu einer normalen Funktion — nicht zu einer gesteigerten. Wer bereits ausreichend versorgt ist, holt sich mit mehr Zink kein besseres Immunsystem, sondern nur mehr Zink. Diese Unterscheidung ist der ganze Unterschied zwischen Wissenschaft und Herbstwerbung.

Zink zur Vorbeugung: Was die Studienlage zur Wirkung zeigt

Die derzeit belastbarste Auswertung stammt von der Cochrane Collaboration (Nault et al., 2024). Sie fasst 34 randomisiert-kontrollierte Studien mit über 8.500 Teilnehmenden zusammen — 15 davon zur Vorbeugung, 19 zur Behandlung.

Das Ergebnis zur Vorbeugung ist deutlich: Zink schützt mit hoher Wahrscheinlichkeit kaum oder gar nicht davor, sich zu erkälten. In den Studien erkrankten zwischen 59 und 64 von 100 Personen — mit Zink praktisch genauso häufig wie ohne. Es gibt bislang keine gesicherten Belege dafür, dass vorsorgliche Zinkeinnahme Erkältungen verhindert.

Das ist übrigens kein Zink-Sonderfall. Auch für Vitamin C, den zweiten Klassiker in den Kombipräparaten, zeigen die Übersichtsarbeiten zur Vorbeugung von Erkältungen bei gesunden Erwachsenen so gut wie keinen Effekt. Wer ein Kombiprodukt kauft, kauft in der Regel zwei Nährstoffe mit derselben, sehr nüchternen Studienlage.

Wenn die Erkältung schon da ist: zwei Tage — zu welchem Preis?

Interessanter wird es bei der Behandlung. Hier fand die Cochrane-Auswertung tatsächlich ein Signal: Zink könnte die durchschnittliche Krankheitsdauer um rund zwei Tage verkürzen. Bevor daraus eine Empfehlung wird, lohnt der Blick auf das Kleingedruckte:

Was die Studien zeigen Was das praktisch bedeutet
Dauer im Schnitt ca. 2 Tage kürzer Aussagekraft der Evidenz gering — die Studien widersprechen sich teils deutlich
Wirksame Dosierungen: 45–276 mg pro Tag, Effekte vor allem oberhalb von rund 85 mg Weit über dem, was Nahrungsergänzungsmittel liefern — und über der Dauer-Obergrenze der Behörden
Meist Lutschpastillen über 4,5–21 Tage Metallischer Geschmack, häufiger Übelkeit und Magen-Darm-Beschwerden
Ob Zink die Symptomstärke verringert Unklar
Studienqualität Viele Studien mit methodischen Mängeln und Herstellersponsoring

Diese Dosierungen sind ausdrücklich nicht mit einer gewöhnlichen Nahrungsergänzung gleichzusetzen. Zinkhaltige Arzneimittel mit mehr als 25 Milligramm pro Tagesdosis sind in Deutschland verschreibungspflichtig — genau weil hohe Dosen relevante Nebenwirkungen haben können. Und die Cochrane-Auswertung fand bei der Behandlung auch ein erhöhtes Risiko für (nicht schwerwiegende) unerwünschte Wirkungen.

Ehrliche Einordnung: Zwei Tage weniger Schnupfen sind für viele Menschen ein spürbarer Gewinn. Aber sie werden in den Studien mit Dosierungen erkauft, die niemand über die Erkältungssaison hinweg dauerhaft nehmen sollte — und die Evidenz dahinter ist alles andere als gefestigt.

Zinkreiche Lebensmittel wie Kerne, Nüsse, Hafer, Käse und Eier auf einem Küchentisch

Wovon die Nase Schaden nimmt: das Problem mit Zink-Nasensprays

Der wichtigste praktische Hinweis dieses Artikels betrifft nicht Kapseln, sondern Sprays. Zinkhaltige Nasensprays können in manchen Fällen zu einem andauernden Geruchsverlust führen.

Der bekannteste Fall: Die US-Arzneimittelbehörde FDA warnte 2009 Verbraucherinnen und Verbraucher ausdrücklich davor, drei zinkhaltige intranasale Erkältungsprodukte weiter zu verwenden. Grundlage waren über 130 Meldungen von Anosmie — dem Verlust des Geruchssinns — bei Menschen, die diese Produkte benutzt hatten. Die Behörde äußerte damals die Sorge, dass dieser Verlust dauerhaft sein könnte.

Der Geruchssinn ist kein Nebenschauplatz. Er hängt eng mit dem Geschmack, mit Appetit, mit Lebensqualität und mit Sicherheit im Alltag zusammen — und anders als ein Schnupfen kommt er nicht zuverlässig von selbst zurück. Gemessen an einem möglichen Gewinn von zwei Krankheitstagen ist das ein denkbar schlechtes Verhältnis von Nutzen zu Risiko.

Praktisch heißt das: Wer Zink bei einer Erkältung ausprobieren möchte, greift zu oralen Darreichungsformen und lässt zinkhaltige Nasensprays weg. Bei Erkältungspräparaten mit mehreren Wirkstoffen lohnt ein Blick in die Zutatenliste — und im Zweifel die Frage in der Apotheke.

Wie viel Zink sinnvoll ist — und woher es am besten kommt

Der Bedarf hängt nicht nur von Alter und Geschlecht ab, sondern auch von der Ernährung: Phytat aus Vollkorngetreide und Hülsenfrüchten hemmt die Zinkaufnahme, ebenso hohe Calcium- oder Koffeinmengen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt deshalb Spannen statt einer einzelnen Zahl.

Referenzwerte (DGE, Erwachsene) Frauen Männer
niedrige Phytatzufuhr 7 mg/Tag 11 mg/Tag
mittlere Phytatzufuhr (Normalfall) 8 mg/Tag 14 mg/Tag
hohe Phytatzufuhr (viel Vollkorn/Hülsenfrüchte, kaum tierisches Protein) 10 mg/Tag 16 mg/Tag

Und jetzt kommt die Zahl, die dem gesamten Herbst-Marketing den Boden entzieht: Frauen in Deutschland nehmen im Durchschnitt rund 9 mg Zink pro Tag auf, Männer rund 12 mg. Die Versorgungslage wird von der Gemeinsamen Expertenkommission bei den meisten Bevölkerungsgruppen als gut bewertet. Ein ausgeprägter Zinkmangel ist hierzulande selten.

Für die Obergrenzen gilt:

  • Die EFSA leitet einen Tolerable Upper Intake Level von 25 mg pro Tag aus allen Quellen ab, Lebensmittel eingeschlossen.
  • Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt für Nahrungsergänzungsmittel eine Höchstmenge von 6,5 mg pro Tag — dieser Wert berücksichtigt die Zufuhr über normale Lebensmittel bereits mit. Ab 3,5 mg pro Tag empfiehlt das BfR zusätzlich einen Verpackungshinweis, keine weiteren zinkhaltigen Präparate zu kombinieren.
  • Langfristig hohe Zufuhren können die Aufnahme von Kupfer und Eisen beeinträchtigen; bei 150–300 mg täglich wurden Veränderungen der roten und weißen Blutkörperchen beobachtet.

Dass diese Werte im Regal oft ignoriert werden, ist keine Vermutung: Das niedersächsische Landesamt LAVES untersuchte 2024 Vitamin-C-Zink-Kombinationen und fand nicht nur deutlich höhere Zinkgehalte als vom BfR empfohlen, sondern bei etwa der Hälfte der Produkte auch gesundheitsbezogene Angaben, die wissenschaftlich nicht ausreichend abgesichert waren.

Food first bleibt die stärkste Antwort. Gute Zinkquellen sind Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Hartkäse und Eier — tierische Lebensmittel liefern zusätzlich Histidin und Cystein, die die Aufnahme fördern. Pflanzlich liefern Haferflocken, Vollkornprodukte, Nüsse und Kerne Zink; ihre Phytinsäure lässt sich durch Einweichen, Keimen, Fermentieren oder Sauerteigführung deutlich reduzieren. Wer vegan isst, sollte die Zinkzufuhr bewusst im Blick behalten.

Paar Mitte 40 beim Spaziergang im Herbst – Alltagsroutinen statt Hochdosis-Supplemente

Was im Herbst wirklich mehr bringt

Wer die Erkältungssaison gut überstehen will, hat wirksamere Hebel als eine Lutschpastille: ausreichender und regelmäßiger Schlaf, Bewegung an der frischen Luft, Händehygiene, Lüften — und eine Ernährung, die die Grundversorgung deckt, statt sie punktuell zu überschreiben. Wie stark Schlaf dabei wiegt, haben wir in Schlaf und Longevity ausführlich beschrieben; wie sich diese Basis ab 40 verschiebt, in Longevity nach 40.

Und wenn es doch eine Ergänzung sein soll, dann als Grundversorgung statt als Hochdosis-Kur. Zink trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei. Mehr verspricht die Wissenschaft nicht, und mehr versprechen wir auch nicht.

Häufige Fragen zu Zink bei Erkältung

Hilft Zink wirklich gegen Erkältung?

Zur Vorbeugung nach aktueller Studienlage kaum oder gar nicht. Bei einer bereits bestehenden Erkältung könnte Zink die Krankheitsdauer im Schnitt um etwa zwei Tage verkürzen — allerdings nur in sehr hohen Dosierungen und auf Basis von Evidenz mit geringer Aussagekraft.

Wie viel Zink pro Tag ist sinnvoll?

Die DGE nennt für Erwachsene bei mittlerer Phytatzufuhr 8 mg pro Tag für Frauen und 14 mg für Männer. Für Nahrungsergänzungsmittel empfiehlt das BfR maximal 6,5 mg pro Tag zusätzlich; die EFSA-Obergrenze aus allen Quellen liegt bei 25 mg pro Tag.

Sollte man Zink vorbeugend über den ganzen Winter nehmen?

Dafür gibt es keine belastbare Grundlage. Die Versorgungslage in Deutschland ist bei den meisten Menschen gut, und eine dauerhaft hohe Zufuhr kann die Aufnahme von Kupfer und Eisen beeinträchtigen.

Sind Zink-Lutschtabletten besser als Kapseln?

In den Studien mit positivem Ergebnis kamen überwiegend Lutschpastillen zum Einsatz — allerdings in Dosierungen von 45 bis 276 mg pro Tag, also weit oberhalb üblicher Nahrungsergänzung. Häufige Begleiterscheinungen sind metallischer Geschmack, Übelkeit und Magen-Darm-Beschwerden.

Warum sind Zink-Nasensprays problematisch?

Zinkhaltige Nasensprays können in manchen Fällen einen andauernden Geruchsverlust auslösen. Die US-Behörde FDA warnte 2009 nach über 130 Meldungen von Anosmie ausdrücklich vor drei solchen Produkten.

Woran erkenne ich einen Zinkmangel?

Mögliche Anzeichen wie Appetitlosigkeit, gestörte Wundheilung, Haarausfall oder Durchfälle sind unspezifisch und haben oft andere Ursachen. Ein ausgeprägter Mangel ist in Deutschland selten und betrifft eher Menschen mit chronischen Darmerkrankungen, ältere Menschen oder rein pflanzlich Essende. Bei Verdacht gehört die Abklärung in ärztliche Hände — nicht ins Regal.

Welche Lebensmittel liefern am meisten Zink?

Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Hartkäse und Eier sind die ergiebigsten Quellen, weil ihr Zink besonders gut verfügbar ist. Pflanzlich liefern Haferflocken, Vollkornprodukte, Nüsse und Kerne Zink — Einweichen, Keimen, Fermentieren oder Sauerteig verbessert die Aufnahme deutlich.

Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung und eine gesunde Lebensweise.

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